valeriannala
meine Worte

Was ich in 10 Wochen Kinder- und Jugendpsychiatrie gelernt habe

10 Wochen Praktikum in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis und du bekommst mehr Geschichten und Schicksale von Familien mit als du dir vorstellen kannst.
Es war für mich wirklich eine große Bereicherung einen so tiefen Einblick in die Arbeit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin zu erhalten. Diese Zeit ging auf keinen Fall spurlos an mir vorbei, weshalb ich an dieser Stelle ein Resümee ziehen möchte.
Was nimmt man mit wenn man so viele Menschen und ihre Krankheitsbilder erlebt? Inwiefern bewegt es einen und welche Gedanken kommen hoch?

Der erste Tag war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Wo erlebt man es sonst, dass komplett fremde Menschen in deiner Gegenwart ihre komplette Lebensgeschichte preisgeben? Wo sonst wird einem ein so großer Vertrauensvorschuss entgegen gebracht?
Ich saß mit dabei in jeder Sitzung. Manchmal einfach nur zum Zuhören, manchmal spielte ich mit den Kindern und machte Verhaltensbeobachtungen, manchmal half ich den Patienten mit den Fragebögen. Über die Wochen hinweg habe ich so viele Menschen und ihre Geschichten kennen gelernt, so viel über die Menschheit, aber auch mich selbst nachgedacht wie selten zuvor.

Was ich mitgenommen habe:


Ich will dich einfach nur in den Arm nehmen
Natürlich hatte ich
Mitgefühl mit jedem Kind das zu uns kam. Aus dem einfachen Grund, dass man
wirklich jedem davon wünscht, dass es glücklich in seiner eigenen Haut sein kann. Es gibt jedoch
einige Kinder, die mich innerlich besonders berührt haben.
Herzensgute, liebevolle und kluge Kinder, die bereits in ihren jungen
Jahren mit so viel Schmerz bestraft wurden und der Hilfeschrei direkt
aus ihren Augen abzulesen war.
Bei einem Mädchen war dies sehr stark der Fall. Ich saß ihr gegenüber und während sie so erzählte dachte ich mir: „Ich will dich jetzt einfach nur in den Arm nehmen. Dich
festhalten und dir zeigen, dass du gut so bist wie du bist.“ Und
gleichzeitig wusste ich aber, dass ich das nicht kann, nicht darf. Dass
auch eine Umarmung in so einer Situation nicht das ganze Leid, welches
sich über Jahre hinweg angesammelt hatte wegnehmen konnte, und ich selbst
dafür sowieso nicht die richtige Person war.

Genau dieses Mädchen war auch ein Paradebeispiel für die unglaubliche Stärke, die selbst Kinder schon in sich haben können.

„Ich will einfach nur, dass es weggeht!“, sagte sie immer wieder und sah uns dabei so verzweifelt und gleichzeitig voller Tatendrang an.
Bei
Kindern (besonders bei kleinen) sind es natürlich in erster Linie die
Eltern die sich melden und sich eine Änderung wünschen. Jedoch gibt es
genauso auch Kinder, die selbst einen unglaublichen Willen haben, wovon sich einige
Erwachsene eine Scheibe abschneiden könnten.

Nimm nichts persönlich
Wichtig in der Arbeit mit Kindern bzw. vor allem mit Jugendlichen ist es, nichts persönlich zu nehmen. Pubertäre Anwandlungen können sich nämlich auch -oder gerade besonders- gegen psychiatrisch/psychologisch behandelnde Personen richten. Schließlich will keiner ein „Psycho“ sein.

„Ich bin kein Psycho!“
Erschreckend ist die in der Gesellschaft immernoch weitverbreitete Ansicht, dass jeder der
sich professionelle Hilfe holt „nicht mehr ganz dicht“ und somit zu
verachten ist. Besonders schlimm ist dies dann, wenn sich die 15-jährige
Tochter ritzt, keinen Sinn mehr im Leben sieht, immer wiederkehrende
Selbstmordgedanken hat und die Mutter einem mit „Aber ist das nicht
normal in der Pubertät?“ daher kommt. Es kann gefährlich sein, von allem
davon zu rennen was das Wort „psycho“ beinhaltet, nur weil so viele immer
noch nicht begriffen haben, dass es nichts ist wofür man sich zu schämen
braucht und es vielmehr lobenswert ist, wenn man das eigene Leben oder
das Leben seines Kindes in die Hand nehmen und aktiv verbessern möchte.

Wer ist Schuld? Wer leidet?
„Ich hatte selbst auch ADHS.“
„Na dann hatten Sie es bestimmt auch schwer!“
„Nein, ich eigentlich nicht. Aber meine Mutter!“
Prinzipiell
ist mir aufgefallen, dass es zwei verschiedene Arten von Patienten
gibt. Jene, bei denen man unglaublich viel Mitgefühl für das Kind
empfindet, aber auch jene wo man sich selbst fragt wie die Mutter/der
Vater/die Großmutter/… so stark sein konnte das ganze eigene Leben nach dem
Kind zu richten, ohne dabei selbst komplett durchzudrehen.
Die Gründe
warum ein Kind psychisch erkrankt sind vielfältig. Traumatische
Erlebnisse, ein instabiles Umfeld, mangelnde Ressourcen, eine gestörte
Bindung zur Mutter, jedoch genauso auch nicht wirklich kontrollierbare
Einflüsse wie z.B. genetische Defekte.
Nicht jedes auffällige Kind hat unfähige Eltern. Ich habe genügend liebevolle, besorgte, motivierte und starke Eltern oder Großeltern erlebt. Genauso aber auch das Gegenteil. Mütter, die sich nicht dafür schämen ihre Kinder öffentlich niederzumachen. Mütter mit einer gefühlslosen Härte, die nicht einmal wissen wie man mit dem eigenen Kind spielt. Und warum? Meistens weil sie es selbst nicht anders kennen…
Es gibt viele Einflussfaktoren. Es gibt nicht nur die eine Schublade.

„Du bist damit nicht alleine!“
Wenn man selbst Psychologin und Psychotherapeutin in spe ist, dann weiß man welche Krankheitsbilder es gibt, was die Symptome sind, wie häufig sie vorkommen. Umso mehr ist man dann überrascht wie sehr für die Patienten die einfachen Worte „Du bist damit nicht alleine.“ eine unglaubliche Last von den Schultern nehmen können.
„Was, da gibt es echt auch noch andere Kinder die das haben? Ich dachte ich wäre die Einzige!“
Es
wird mir immer in Erinnerung bleiben, wie überrascht, erleichtert und
aufgeregt sie das sagte und wie wichtig diese neue Information für sie und ihr Selbstbewusstsein war. Manchmal ist für einen selbst etwas ganz logisch, während es für andere eine völlig neue Betrachtung der Dinge bedeuten
kann.

Man kann sie nicht alle retten
Egal wie sehr man es will, man wird niemals in der Lage sein all diese Kinder und Jugendliche von ihrem Leid zu befreien. Man sieht in so viele verzweifelte und gleichzeitig hoffnungsvolle Gesichter. Gesichter, die sich einen Wundertrank wünschen, die glauben ein Besuch bei der Psychiaterin genüge und dadurch lösten sich alle Probleme in Luft auf. Doch egal ob Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut oder sonst wer. Wir sind alle nur Menschen. Und das Einzige was man als Mensch in einer solchen Rolle tun kann, ist so viel wie möglich Tropfen auf den brennend heißen Stein zu träufeln, um zumindest so viel zur Besserung der Situation des Kindes beizutragen wie die Umstände es erlauben. Sich auf das konzentrieren was besser wird und nicht auf das was immer noch schlecht und nicht zu ändern ist.



Die kranken Kinder von heute sind die gestörten Erwachsenen von morgen
Dieses Praktikum hat mich sehr darin bestärkt, irgendwann einmal in diesem Feld tätig sein zu wollen. Psychische Erkrankungen sind der Auslöser für so viel Leid auf dieser Welt. Ob dies ein Mann ist, der 150 Menschen in einem Flugzeug mit in den Tod reißt, oder einer der in Graz mitten in der Stadt mit seinem Auto eine Amokfahrt begeht…. Oder aber unzählige IS-Kämpfer, die in ihrem Leben irgendwie nicht richtig landen konnten und den Sinn nun in einer hasserfüllten Terrormiliz gefunden haben…
Wo ansetzen, wenn nicht bei den Kindern? So früh wie möglich auffangen und auf den richtigen Weg begleiten, damit eine „normale“ Entwicklung möglich ist.

So viele Kinder, so viele Menschen, mitten unter uns. Jeden Tag. Im Bus, beim Warten auf den Zug, im Park, in der Schule… Überall sind Menschen, die einen Rucksack zu tragen haben. Wir alle haben einen. Und manchmal, da ist dieser Rucksack eben zu schwer, um ihn noch länger alleine zu tragen. Vor allem wenn man noch ein kleiner Mensch ist und nicht weiß wohin mit so viel Last.

Ich will irgendwann einmal so eine Person sein, die ununterbrochen und mit nicht zu bremsender Leidenschaft Tropfen der Hoffnung auf brennend heiße Steine wirft. 

VA

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10 Comments

  • Reply
    Kajime
    22. Dezember 2015 at 5:27

    Mich hat dein Beitrag sehr berührt. Ein bisschen habe ich mich da selbst wiedergefunden. Wirklich toll geschrieben.
    Liebe Grüße,
    Kaji ♥ Rain Birds

  • Reply
    Cynthia
    22. Dezember 2015 at 13:25

    Ich habe selbst 4 Wochen in einer KJPP arbeiten können und es war ein toller Einblick. Möchte nach meiner Ausbildung auch gerne in dem Bereich arbeiten.

  • Reply
    Jana
    22. Dezember 2015 at 19:18

    Ein wirklich sehr bewegender Text, der einen auch zum Nachdenken anregt.
    So ein Beruf wäre glaube ich gerade wegen deinem Punkt 2 bzw. mir würden die ganzen Geschichten definitiv zu nahe gehen und ich würde sie mit nach Hause nehmen. Hatte mir auch mal überlegt Altenpflegerin zu werden, aber als die Omi, die ich im Altenheim regelmäßig besucht habe gestorben ist, war ich fix und fertig und habe dann lieber eine Büroausbildung gemacht.
    Finde es aber klasse, dass du helfen möchtest und du der Typ dafür bist 🙂
    Frohe Weihnachten wünsche ich dir schonmal!
    <3

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      3. Januar 2016 at 18:26

      Ich kann dich da vollkommen verstehen. Es ist nicht leicht mit so etwas gut umzugehen und unberührt lässt es wahrscheinlich sowieso keinen!
      Ein gutes neues Jahr wünsch ich dir <3 🙂

  • Reply
    Diana
    23. Dezember 2015 at 0:48

    Danke für diesen interessanten Einblick. ♥

    Lediglich dein Satz "Psychische Erkrankungen sind der Auslöser für so viel Leid auf dieser Welt." finde ich etwas fraglich. Ich selbst leide von klein auf, bin da aber kein Einzelfall in meiner Familie – und trotz, dass ich schon so lange mit meinen Erkrankungen kämpfe, setze ich mich keinesfalls mit Menschen gleich, die aufgrund ihrer Erkrankung andere Menschen in den Tod reißen oder aggressives Verhalten an den Tag legen. Der Satz und auch das Theater in den Medien, welche insbesondere diesen Flugzeugabsturz wochenlang thematisierten, ließen viele Psychisch Kranke wieder in einem falschen Licht dastehen und genau das führt doch auch dazu, dass viele sich aus Angst keine Hilfe suchen oder sich keinem anvertrauen können, ohne gleich als "Psychopath" zu gelten..

    Liebe Grüße ♥

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      3. Januar 2016 at 19:39

      Danke für deinen Beitrag, Diana. Ich verstehe den Punkt den du anbringst! Und wahrscheinlich ist es ein bisschen unglücklich formuliert. Ich wollte damit nämlich keineswegs Menschen mit psychischen Krankheiten irgendwie ins Abseits befördern oder ihnen einen Stempel aufdrücken. Im Gegenteil ist es mir wichtig, dass dies eben nicht passiert. Trotzdem können (nicht müssen!) psychische Krankheiten einen Menschen dazu treiben Dinge zu tun, die er sonst wahrscheinlich nicht getan hätte. Ich finde es daher wichtig, dass man in der Gesellschaft weiß, dass solche Krankheiten jeden treffen können, sie weit verbreitet sind und Behandlungen bzw. Unterstützung für jeden vorhanden sein sollte!
      Liebe Grüße <3

  • Reply
    Celinchen 95
    7. Januar 2016 at 23:51

    Wow! Ein wirklich bewegender Beitrag der definitiv zum Nachdenken anregt. Ich kann dir in so gut wie allen Punkten nur zustimmen, super geschrieben 🙂

    Liebste Grüße
    Celine ♥

    http://be-you-tiful-95.blogspot.de/

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