valeriannala
meine Worte

Wenn die Erde bebt – Das Erdbeben in Wellington

Ich wache auf. Und alles geht ganz schnell. Viel zu schnell um sofort realisieren zu können was eigentlich gerade passiert. Mein Freund neben mir ist ebenfalls wach. Wer könnte da auch weiterschlafen. Wenn die Erde bebt. Wenn unser Fundament plötzlich beschließt nicht mehr stabil zu sein. Das Selbstverständlichste der Welt. Einen Boden unter den Füßen zu haben. Nicht ein Dach über dem Kopf. Nicht Nahrung im Magen. Noch viel basaler. Einen Boden unter den Füßen. Und genau dieser Boden bebte.

Wir sahen uns gegenseitig an. Halb verschlafen und vollkommen perplex. Das Zimmer bewegte sich. Das ganze Haus bewegte sich. Vor und zurück. Eine surreale Situation. Denn wie kann sich ein ganzes Haus gefühlt einen Meter nach vor und wieder zurück bewegen?

Es war nicht nur ein kurzer Moment. Es war mehr als nur ein Wackeln, ein kurzes Schütteln. Es blieb genug Zeit für Schock, gefolgt von dem Gefühl, dass es wohl ein schlechter Scherz sein musste, dass man zuvor noch von Erdbeben in Neuseeland gelesen hatte und am ersten Tag in diesem Land genau ein solches passierte. Kein normales, kleines, wie man es hier eh gewohnt war. Eines, welches die EinwohnerInnen von Wellington als das stärkste, welches sie bisher erlebt hatten beschrieben.

Erdbeben sind gruselig. Erdbeben sind wie Unfälle. Weil man machtlos ist. Weil es da diesen einen Moment gibt, diese eine Millisekunde, in welcher man die Kontrolle verliert. Sie abgibt. An das Ungewisse, den Lauf des Lebens, das Schicksal – irgendetwas da draußen. Wie auch immer man es nennen mag.

Ich hatte bisher nur einen kleinen Verkehrsunfall. Auf dem Moped. Wir saßen da zu zweit. Eine ziemlich starke Kurve voller Kies vor uns. Und dann erinnere ich mich nicht mehr an viel. Aber ich erinnere mich an diesen Moment des Fallenlassens. An den Moment, an dem ich die Kontrolle über mich selbst verlor und sie abgeben musste. Würde es nur ein kleiner Sturz sein, oder eine große Tragödie? Es war bereits entschieden und genau in dieser Millisekunde hatte ich kein Mitbestimmungsrecht mehr.

So lagen wir also im Bett. Nebeneinander. Und ich spürte den Moment. Den Moment in dem ich machtlos war. Kontrollverlust. Den Moment, in dem ich einfach alles ablegen und abgeben musste. Ausgeliefert. Wir lagen im Bett und wussten nicht was zu tun war. Wussten nicht ob man in so einer Situation schreiend nach draußen rennt oder sich auf den Boden legt und den Kopf schützt. Wir blieben liegen und jeder Meter vor. Jeder Meter zurück. War Kontrollverlust. Ich wusste, dass es jetzt nicht mehr in meiner Hand lag. Ob das Haus einstürtzt, ob der Spiegel zerspringt, wir den Hang hinunter rutschen, oder ob alles gut sein wird.

Die starken Nachbeben und Tsunamiwarnungen machten das Ganze nicht besser. ‚Move to higher ground immediately.‘ hieß es in offiziellen Meldungen auf Twitter. Waren ca. 60m auf einem Hügel genug ‚higher ground‘? In meinem Kopf spielten sich Szenen ab, in denen eine Monsterwelle über dem Hügel direkt gegenüber von uns brach.
Früher war ich nie ängstlich. Ich weiß nicht wo diese übertriebene Furcht auf einmal herkam.

Ich habe zwei Nächte gar nicht und eine Nacht nur ganz unregelmäßig geschlafen. Ich konnte sie nicht freiwillig abgeben. Meine Kontrolle. Im Schlaf war ich zu machtlos. Aber ich wollte bereit sein.
Als unsere liebe Host-Lady dann meinte ich solle schlafen, ‚Wenn das Erdbeben noch einmal kommt, dann kommt es.‘, war mir bewusst wie recht sie hatte. Dass ich auch wach und bei vollem Bewusstsein nicht kämpfen konnte. Dass ein Erdbeben eines von diesen Dingen im Leben war, die sich unserer Kontrolle entzogen. Und dies zu wissen schmerzte. Entweder würden die Nachbeben stärker werden und ganz Wellington zerstören (es gibt eindeutig zu viele Weltuntergangs-Filme), oder wir würden beruhigt unsere Reise gen Norden der Insel fortsetzten können. Es lag nicht in meiner Hand.

Es gibt diesen einen Moment. Diese eine Millisekunde. In der man alles abgibt. Loslässt. Weil gar nichts anderes möglich ist. Der Augenblick, der sich wie eine Szene in Zeitraffer anfühlt. Vertrauen oder verzweifeln? In jedem Fall jedoch abgeben. An etwas das wir nicht verstehen.

‚What’s comin‘ will come and we’ll meet it when it does.‘

VA

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2 Comments

  • Reply
    Tanja Gammer
    5. Dezember 2016 at 18:21

    Puh ich mag mir gar nicht vorstellen können, wie das ist. Bis jetzt hatte ich nur Bekanntschaft mit einem Minibeben, bei dem es etwas geklappert hat im Geschirrschrank. Man hat sicher sofort die Bilder sämtlicher Hollywood Filme im Kopf. Gut das alles heil ausgegangen ist
    Liebe Grüße

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      6. Dezember 2016 at 23:02

      Ja so ein kleines habe ich in Wien auch einmal gespürt und habe das damals schon schräg gefunden. Aber das in Neuseeland war dann noch einmal eine ganz andere Dimension 😀

      Bin ich auch sehr froh darüber 🙂

      Liebe Grüße!

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