valeriannala
meine Worte

Zwischen den Worten

„Soll ich dir ein Taschentuch bringen?“
Man könnte diesen Satz durchaus als fürsorglich auffassen. Als liebevoll. Sich um den anderen kümmernd.
Wenn der Satz denn nur einfach so dagestanden wäre. Nicht jedoch aber wenn er es sagt. Nicht jedoch mit diesem Blick, welcher zum einen versucht eine undurchdringbare Mauer aufzubauen und zum anderen diesen gewissen Hauch von unnahbarer Arroganz in sich trägt, welchen sie schon immer nicht ausstehen konnte.
„Geht schon, danke!“
„Ah ja, klar. Seh‘ ich. Und was sind denn das? Keine Tränen etwa?! Soll ich dir nicht wirklich ein Taschentuch bringen?“
Triumphierend. So halt wie sich die vermeintlich Starken fühlen, wenn sie es geschafft haben andere dazu zu bringen Schwäche zu zeigen. Und nicht einfach nur andere, sondern genau jene Person, von der man will, dass sie Schwäche zeigt.
„Nein, ich hab gesagt es geht schon! Passt alles!“
Davonrennen wäre die andere Option gewesen. Davonrennen wie früher und sich in Unverständnis über eine solch unfassbare Unsensibilität baden. Zerfressen lassen.
Aber diese Zeiten sind vorbei. Längst hatte sie begriffen, dass der Satz „Niemand kann dich verletzen außer du selbst“, zwar nicht immer zu 100% stimmen mag, aber trotzdem nicht bloß eine leere Floskel ist.
Darum nicht wegrennen. Nicht wieder sich alten Mustern hingeben, alte Wunden aufreißen und sich verletzen lassen von der Unfähigkeit anderer gefühlvoll zu sein.

„Und? Was wolltest du mir jetzt sagen?“
Lässig, beiläufig. Sich ja nicht anmerken lassen, dass man es sowieso auch will, aber jetzt einfach die von-oben-herab-Nummer durchziehen möchte. Muss. Fürs Ego. Dieses kann nämlich ein ziemlich penetrantes Biest sein.
Der werte Herr hatte sich also erbarmt mit dem niedrigen Fußvolk zu sprechen.
„Wie geht es dir?“, fragte sie darum bestimmt. Entschlossen, sich nicht von seiner über alles erhabenen Art aus der Bahn werfen zu lassen.
„Gut. Und dir?“
Kalt. Aber mit einem schiefen Grinsen. Diesem schiefen Grinsen, welches sie hauptsächlich mit negativen Situationen in Verbindung brachte. Es war nicht authentisch. Nicht er.
„Gut.“
Na dann passt’s ja. Gut. Gut ist also das was übrig bleibt?
Gut ist also das was übrig bleibt. Punkt.
Kommt daher die Aussage „Am Ende ist alles gut.“?
Schließlich kam dann doch mehr. Mehr als nur gut.
Und ob das wiederum gut war, wusste sie nicht.

„So wie ich dich kenne, hast du…“
Er war überzeugt. Überzeugt davon sie zu kennen wie kein anderer. Immer noch.
„Naja ich weiß, dass du das gesagt hättest, aber gefühlt hättest du etwas ganz anderes auch wenn du das vielleicht nicht wolltest…“
Wieder überzeugt. Überzeugt, dass sie genauso war wie damals. Überzeugt, dass er mit seinem Wissen über sie immer noch Macht besaß. Vielleicht war das auch sein Schutzschild. Ihre Schwachpunkte hervorheben, um sich selbst keine Blöße zu geben. Ganz klar zu symbolisieren, dass er alleine die volle Kontrolle über die Situation hatte.
Noch ein paar „Dann hast du also wieder…“- und „Du hättest dann sicher…“-Sätze später schien das Gespräch beendet aber nichts gesagt zu sein. Leere Worte wurden gefüllt. Gefüllt mit kraftvollen Bedeutungen schüchtern präsentiert von zwei Menschen die sich zum ersten Mal begegneten und sich trotzdem schon 1000 Mal gesehen hatten.

Es ging ihm gut.
Es ging ihr gut.
Dann passt’s ja.
Gut ist das was übrig bleibt.

Am Ende ist alles gut.

VA

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6 Comments

  • Reply
    Maribel
    2. Mai 2015 at 9:21

    Toller Text! Und jetzt würde ich gerne noch ein paar andere Sätze schreiben, die beschreiben, wie toll ich den Text finde, aber da gibt es nichts weiter zu sagen. Nur: toll!

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      2. Mai 2015 at 12:04

      Wow, vielen Dank für das Kompliment – freu mich sehr darüber :)!!

  • Reply
    Ziska
    6. Mai 2015 at 15:49

    Und vielleicht, ganz vielleicht, ist das "Gut" doch kein "Gut" sondern ein "Lass mich in Ruhe." Und am Ende steht das Ende.
    Oder ein Anfang?
    Richtig schön geschrieben! Das Ende mit den leeren, und doch gefüllten Worten, gefällt mir richtig gut!
    Ich bleib hier ♥

    • Valeria Anna
      Reply
      Valeria Anna
      7. Mai 2015 at 18:20

      Deine Ergänzung gefällt mir! So kann man das nämlich tatsächlich auch sehen!
      Dankeschön – das freut mich wirklich sehr <3 🙂

  • Reply
    Ziska
    11. Mai 2015 at 16:58

    ♥ 🙂

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